Berliner Zeitung vom 23.3.2005
Ein Ständchen zum Jubiläum
Mit Drehorgelmusik und kleinen Geschenken wird heute der Bär gefeiert - seit 725 Jahren ist er Wappentier Berlins
MITTE. Orgel-Jette will kommen und "Kleiner Bär von Berlin" spielen, die Pflegerinnen haben eine Torte bestellt für die älteren Damen, die regelmäßig Obst vorbeibringen, und der Bezirksbürgermeister wird eine Rede halten: Mit viel Musik und reichlich Obst feiert der Verein der Berliner Bärenfreunde heute ein ganz besonderes Fest: Es ist dem Bären gewidmet, der vor 725 Jahren das erste Mal auf einem Stadtsiegel auftauchte und seitdem das Berliner Markenzeichen ist.
Das Obst bekommen die drei Bären, die heute nur eine Art Beiwerk sind, wie Bernd Unger vom Verein sagt. "Im Mittelpunkt des Jubiläums steht der Bär als solcher." Am Bärenzwinger im Köllnischen Park gibt es ihnen zu Ehre ein kleines Fest, bei dem Unger wie so oft auch ein wenig den Zeigefinger erhebt. "Die Berliner sind wenig traditionsbewusst, könnten sich viel mehr zum Bären bekennen", sagt er. "Auf der ganzen Welt ist der Bär das Symbol Berlins und nicht das Brandenburger Tor oder die Siegessäule."
Unger kam 1993 auf den Bären, als er auf den Bärenzwinger schaute. Er wurde Zeuge, wie sich Touristen nach der Bärengeschichte erkundigten. "Die Pflegerin konnte nicht weiterhelfen, weil sie darüber nichts wusste", sagt Unger. "Ich versprach ihr, nachzuforschen."
Inzwischen ist der pensionierte Diplom-Wirtschafter Besitzer von mehr als 3 000 Belegen, die Auskunft über den Bären geben. Es sind Fotos, Urkunden, Zeitungsartikel und Aufnahmen eines Siegels aus dem Jahr 1381, das wohl das älteste noch erhaltene Bärensiegel sein dürfte. Unger entdeckte es während seiner Recherche im Domarchiv der Stadt Brandenburg. Aus der Forschung heraus entwickelte sich eine innige Beziehung zu dem Wappentier, die sich unter anderem in Ungers regelmäßigen Besuchen am Bärenzwinger im Köllnischen Park deutlich macht. Dort leben drei Bären - Schnute (24), Maxi (19) und Tilo (15). Der ist gleichzeitig Berliner Stadtbär. Und eine Art Botschafter der Stadt. Als er 1994 und 1995 fünfmal für Nachwuchs sorgte, wurden die kleinen Bären in die weite Welt geschickt: Drei von ihnen leben im Zoo von Buenos Aires, zwei in Nordspanien.
Tilo wird von dem Trubel, der ihn heute erwartet, nichts mitbekommen. "Er ist viele Menschen gewöhnt", sagt Pflegerin Brigitte Kutzner. Ansonsten ist es wie immer: Sie wird Tilo und den Bärendamen Obst in die Tannenbäume auf der Anlage hängen. Die Leute werden zusehen, wie akrobatisch die Bären nach den Früchten greifen. Mit etwas Glück stellt Tilo sich auf - kerzengerade, wie seine Artgenossen auf den Wappen auch.
Marcel Gäding